Die 4-Prozent-Regel im Check: Wie viel du im Ruhestand wirklich aus deinem Depot entnehmen kannst
28. September 2026
Über den Vermögensaufbau wird viel geschrieben: Sparpläne, ETFs, Renditen, Zinseszins. Über die Phase danach deutlich weniger. Dabei ist sie mindestens genauso anspruchsvoll. Denn irgendwann dreht sich die Richtung um – statt einzuzahlen, entnimmst du. Und dann stellt sich eine Frage, die über deine Lebensqualität im Ruhestand entscheidet: Wie viel darf ich jedes Jahr ausgeben, ohne dass mein Geld aufgebraucht ist, bevor ich es bin?
Die bekannteste Antwort darauf ist die sogenannte 4-Prozent-Regel. Sie ist griffig, leicht zu merken und wird in Foren und Ratgebern gern als Faustformel zitiert. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, woher sie kommt, was sie leisten kann – und wo sie dich in die Irre führen kann.
Woher die 4-Prozent-Regel kommt
Die Regel geht auf den US-Finanzplaner William Bengen zurück. Er veröffentlichte im Oktober 1994 im Journal of Financial Planning eine Untersuchung, in der er mit historischen US-Marktdaten durchrechnete, wie hoch eine Entnahme sein darf, damit ein gemischtes Aktien-Anleihen-Depot auch in den schlechtesten historischen Phasen rund 30 Jahre durchhält.
Einige Jahre später griff die sogenannte Trinity-Studie (1998) die Idee auf und analysierte US-Marktdaten von 1926 bis 1995. Aus beiden Arbeiten entstand die Faustformel, die heute überall kursiert:
- Im ersten Jahr des Ruhestands entnimmst du 4 Prozent deines Depotwerts.
- In den Folgejahren passt du diesen Betrag nur noch um die Inflation an – unabhängig davon, wie sich das Depot entwickelt.
Ein Beispiel: Bei einem Depot von 500.000 Euro wären das im ersten Jahr 20.000 Euro. Liegt die Inflation danach bei 2 Prozent, entnimmst du im zweiten Jahr 20.400 Euro – egal, ob die Börse gerade boomt oder einbricht.
Was aktuelle Studien sagen
Die 4 Prozent sind keine Naturkonstante. Je nach Annahmen kommen Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen – und das ist wichtig zu verstehen.
Bengen selbst ist heute optimistischer. In seinem 2025 erschienenen Buch A Richer Retirement hält er einen Startwert von 4,7 Prozent für vertretbar. Der Grund: Er rechnet inzwischen mit einem breiter gestreuten Depot, das neben großen auch mittlere und kleine Unternehmen, internationale Aktien sowie Anleihen und Cash enthält.
Morningstar ist vorsichtiger. Im Bericht "The State of Retirement Income 2025" vom Dezember 2025 kommt das Analysehaus auf eine sichere Startentnahme von 3,9 Prozent (nach 3,7 Prozent im Vorjahr). Die Annahmen: 30 Jahre Ruhestand, eine Aktienquote zwischen 30 und 50 Prozent und eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent, dass am Ende noch Geld übrig ist. Interessant: Eine höhere Aktienquote erhöht die sichere Startrate in diesem Modell nicht, sondern senkt sie eher – wegen der stärkeren Schwankungen. Mit flexiblen Strategien, etwa Leitplanken bei den Entnahmen, sind laut Morningstar dagegen Startraten von bis zu 5,7 Prozent möglich.
Die Spannbreite von knapp 4 bis knapp 6 Prozent zeigt vor allem eines: Die "richtige" Zahl hängt davon ab, wie lange du planst, wie dein Depot aufgebaut ist und wie flexibel du bei deinen Ausgaben bist.
Warum du die Zahl nicht blind übernehmen solltest
Bei allem Nutzen hat die 4-Prozent-Regel einige Schwächen, die gerade für Anleger in Deutschland relevant sind:
- Sie basiert überwiegend auf US-Daten. Der US-Aktienmarkt hat sich im 20. Jahrhundert außergewöhnlich gut entwickelt. Ob die Zukunft ähnlich verläuft, weiß niemand.
- Sie gilt für rund 30 Jahre. Wer mit 55 oder früher aufhört zu arbeiten, muss eher mit 35 bis 45 Jahren planen. Je länger der Zeitraum, desto niedriger sollte die Startrate in der Regel sein.
- Sie ignoriert Steuern und Kosten. Die Modelle rechnen mit Bruttowerten. Steuern auf realisierte Gewinne, Fondskosten und Depotgebühren schmälern, was tatsächlich bei dir ankommt. Viele deutsche Ratgeber setzen deshalb vorsichtiger an, oft im Bereich von 3 bis 3,5 Prozent.
- Sie ist starr. Die klassische Regel zieht ihren inflationsangepassten Betrag durch, egal was passiert. Echte Menschen tun das nicht – und das ist eigentlich eine gute Nachricht.
Das unterschätzte Risiko: die Reihenfolge der Renditen
Der vielleicht wichtigste Punkt in der Entnahmephase hat einen sperrigen Namen: Sequenzrisiko. Gemeint ist, dass nicht nur die durchschnittliche Rendite zählt, sondern auch, wann gute und schlechte Jahre kommen.
Stell dir vor, dein Depot von 500.000 Euro fällt direkt im ersten Ruhestandsjahr um 30 Prozent auf 350.000 Euro. Du entnimmst trotzdem deine 20.000 Euro – übrig bleiben 330.000 Euro. Um wieder auf den Ausgangswert zu kommen, bräuchte dein Depot jetzt ein Plus von gut 50 Prozent, während du jedes Jahr weiter entnimmst. Kommt derselbe Einbruch dagegen erst nach 15 Jahren guter Börsenjahre, ist das Polster deutlich größer und der Schaden viel leichter zu verkraften.
Das Tückische: Im schlechten Szenario verkaufst du gezwungenermaßen Anteile zu Tiefstkursen. Diese Anteile fehlen dir in der anschließenden Erholung. Genau deshalb sind die ersten Jahre nach dem Renteneintritt die verwundbarsten.
Flexible Strategien: Wie du deine Entnahme robuster machst
Die gute Nachricht: Du musst dich nicht zwischen "zu wenig ausgeben" und "Risiko, dass das Geld ausgeht" entscheiden. Einige Ansätze machen deine Entnahme deutlich widerstandsfähiger:
- Leitplanken (Guardrails): Du legst vorab fest, dass du deine Entnahme um einen bestimmten Prozentsatz senkst, wenn das Depot stark gefallen ist – und erhöhst, wenn es gut gelaufen ist. Schon kleine Anpassungen in schlechten Jahren können einen großen Unterschied machen.
- Liquiditätspuffer oder Topf-Strategie: Ein Teil deines Vermögens liegt als Cash oder in kurzlaufenden Anleihen bereit und deckt die Ausgaben für einige Jahre. So musst du in einem Crash keine Aktien verkaufen, sondern kannst die Erholung abwarten.
- Variable Entnahme: Statt eines festen Betrags entnimmst du jedes Jahr einen festen Prozentsatz des aktuellen Depotwerts. Das Geld geht so rechnerisch nie ganz aus – dafür schwankt dein Einkommen.
- Grundbedarf und Wunschbedarf trennen: Deine Fixkosten (Wohnen, Versicherungen, Lebensmittel) sollten möglichst durch stabile Einnahmen wie gesetzliche Rente, Betriebsrente oder Mieteinnahmen gedeckt sein. Das Depot finanziert dann vor allem das, worauf du im Zweifel auch einmal verzichten kannst: Reisen, größere Anschaffungen, Unterstützung der Kinder.
Welche Kombination sinnvoll ist, hängt davon ab, wie hoch deine anderen Einkünfte sind, wie viel Schwankung du emotional aushältst und ob du dein Vermögen aufbrauchen oder vererben möchtest.
So gehst du bei deiner eigenen Planung vor
- Ermittle deinen tatsächlichen Bedarf im Ruhestand – getrennt nach Fixkosten und flexiblen Ausgaben.
- Ziehe die sicheren Einnahmen ab, also gesetzliche Rente, Betriebsrente oder andere laufende Zahlungen.
- Die verbleibende Lücke ist das, was dein Depot leisten muss. Teilst du sie durch eine vorsichtige Entnahmerate, bekommst du eine grobe Vorstellung davon, welches Vermögen du brauchst. Bei einer Lücke von 15.000 Euro im Jahr und einer Rate von 3,5 Prozent wären das rund 430.000 Euro.
- Plane einen Puffer für die ersten Jahre und lege fest, wie du in schlechten Börsenjahren reagierst – bevor sie eintreten.
- Überprüfe deinen Plan jährlich und passe ihn an veränderte Lebensumstände an.
Steuerliche Fragen zur Entnahme, etwa zur Reihenfolge, in der du Positionen verkaufst, oder zur Nutzung von Freibeträgen, solltest du im Einzelfall mit einem Steuerberater klären.
Häufige Fragen zur Entnahmephase
Ist die 4-Prozent-Regel für Deutschland noch sinnvoll?
Als grobe Orientierung ja, als feste Vorgabe nein. Wegen Steuern, Kosten und der US-lastigen Datengrundlage setzen viele Planer für deutsche Anleger etwas vorsichtiger an. Wichtiger als die exakte Zahl ist, dass du flexibel reagieren kannst.
Was passiert, wenn die Börse direkt nach meinem Renteneintritt einbricht?
Das ist das klassische Sequenzrisiko. Ein Liquiditätspuffer für einige Jahre und die Bereitschaft, die Entnahme vorübergehend zu senken, sind die wirksamsten Gegenmittel.
Wie hoch sollte die Aktienquote in der Entnahmephase sein?
Das hängt stark von deinen übrigen Einkünften und deiner Risikotragfähigkeit ab. Studien wie die von Morningstar zeigen, dass eine sehr hohe Aktienquote die sichere Startentnahme nicht automatisch erhöht, weil stärkere Schwankungen das Sequenzrisiko verschärfen.
Muss ich mein Vermögen im Ruhestand komplett aufbrauchen?
Nein. Ob du dein Kapital verzehren oder erhalten willst, ist eine persönliche Entscheidung. Wer vererben möchte, sollte mit einer niedrigeren Entnahmerate planen.
Fazit
Die 4-Prozent-Regel ist ein hilfreicher Einstieg, aber kein fertiger Plan. Aktuelle Studien reichen von knapp 4 bis gut 5 Prozent – je nach Depotaufbau, Zeithorizont und Flexibilität. Entscheidend für einen entspannten Ruhestand ist weniger die perfekte Zahl als eine Strategie, die auch schlechte Börsenjahre aushält: ein klarer Bedarf, ein Puffer für die ersten Jahre und vorab festgelegte Regeln, wie du reagierst, wenn es an den Märkten ungemütlich wird.
Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Für eine auf deine persönliche Situation zugeschnittene Einschätzung wende dich an eine unabhängige Finanzberatung bzw. einen Steuerberater.